Ölpreiskrise - Kein „Betriebsunfall“ sondern der Anfang vom Ende!
Jörg Schindler, Werner Zittel

Der Ölpreis ist heute hoch, weil bei steigender Nachfrage die OPEC-Staaten ihre Produktion Anfang 1999 ein wenig gedrosselt haben. Geringfügige Produktionsausweitungen Anfang dieses Jahres konnten nicht verhindern, daß der Ölpreis unaufhaltsam auf deutlich über 30 US-Dollar kletterte.

Da die OPEC-Staaten aber nur einen Anteil von weniger als 40 % an der Weltölproduktion halten, wäre es naheliegend gewesen, dass die nicht-OPEC-Staaten mit mehr als 60 % Produktionsanteil einfach ihre Produktion etwas erhöht hätten, um so die reduzierten Öllieferungen aus den OPEC-Staaten auszugleichen. Anstatt dies zu tun, schaut jedoch alle Welt gebannt auf die OPEC, die ja nur 40 % Anteil an der Weltproduktion hält.

Spätestens hier wird deutlich, was die Geologen schon lange wissen: Der Verlauf der Ölförderung einer jeden Ölquelle hat über die Zeit die Form einer Glockenkurve. Erst steigt die Produktion Jahr für Jahr und wenn dann der Druck im Ölfeld nachläßt nimmt die Produktion stetig ab. Was für ein einzelnes Ölfeld gilt, bestimmt auch den Förderverlauf einer ganzen Förderregion. Das Ergebnis derartiger langfristiger Entwicklungen beobachten wir gerade auf den Ölmärkten. 90 % unserer Ölproduktion kommen aus Feldern, die älter als 20 Jahre und 70 % aus Feldern, die älter als 30 Jahre sind. Die großen Ölfelder hat man man mit einfachen Methoden bereits sehr früh gefunden. Das Maximum der Neufunde war in den Jahren 1960-70, seither wird immer weniger gefunden. Dies bedeutet, dass bereits seit 20 Jahren die jährlichen Neufunde den Verbrauch nicht mehr ausgleichen können. Heute findet man mit den modernen Methoden die vielen kleinen Felder, die in Summe jedoch nur noch wenig Öl enthalten. Von den weltweit bekannten ca 42.000 Ölfeldern enthalten die 400 größten Felder, die fast alle vor mehr als 30 Jahren entdeckt wurden, bereits 75 % des gesamten Erdöls.

Ein Vergleich mit der ersten Ölkrise von 1973 ist angebracht. Damals waren die USA und die heutigen OPEC-Staaten die wesentlichen Ölproduzenten. Nachdem die USA 1971 das Produktionsmaximum überschritten hatten, konnten die OPEC-Staaten, die nur 38 % zur Produktion beisteuerten, durch eine Produktionsdrosselung eine Angebotsverknappung und damit einen sprunghaften Anstieg des Ölpreises herbeiführen. Dieser Engpaß konnte dadurch aufgelöst werden, dass die im Nahen Osten enteigneten Ölfirmen in anderen bereits entdeckten Förderregionen die Produktion aufnahmen. Diese neuen Ölprovinzen waren im wesentlichen Alaska und die Nordsee.

Heute sind wir wieder in der Situation, dass die Welt außerhalb der OPEC das Produktionsmaximum teilweise bereits seit langem überschritten hat oder gerade dabei ist, das Maximum zu erreichen: In Deutschland war das Maximum im Jahre 1968, in den USA 1971, in der Russischen Föderation 1988. Großbritannien hat das Produktionsmaximum wahrscheinlich 1999 überschritten: nachdem in den vorangegangenen Jahren die Produktion um mehr als 3 % p.a. erhöht wurde, ging sie ausgerechnet in der Hochpreisphase im ersten Halbjahr 2000 gegenüber dem Vergleichszeitraum 1999 um fast 5 % zurück. Das kann man wohl nicht mehr mit ungünstigen ökonomischen Bedingungen erklären.

Norwegen wird voraussichtlich spätestens in zwei Jahren das Maximum der Produktion überschreiten. Neufunde, die wahrscheinlich noch gemacht werden, können dies nicht ausgleichen. Es ist schwer vorstellbar, dass das Vorhandensein eines weiteren Ölgebietes auf der Welt mit der Größe und Ergiebigkeit der Nordsee - mit 50 Gb immerhin das größte in den vergangenen 50 Jahren gefundene Ölgebiet - einfach übersehen wurde. Und so befinden wir uns abermals - diesmal jedoch global - in der Lage, dass außerhalb der OPEC die Produktion nicht erhöht werden kann. Doch im Unterschied zu damals ist keine bedeutende noch zu erschließende Ölprovinz vorhanden.

Geologen warnen schon lange davor, daß der zunehmende Produktionsanteil der OPEC-Staaten diesen eine Monopolstellung bei der Preisbildung einräumt. Heute befinden wir uns in dieser Lage - früher noch als es die als "Pessimisten" angesehenen Geologen wie Laherrere, Ivanhoe oder Campbell vorausgesagt haben.

Bereits jetzt hat die OPEC wieder einen Produktionsanteil von fast 40 %, Tendenz steigend! In den vergangenen zwei Jahrzehnten waren wir Zeugen einer Propagandaschlacht zwischen der OPEC und den übrigen Staaten. Hier haben beide Seiten versucht, sich gegenseitig etwas vorzumachen: Die Nicht-OPEC-Staaten wollen die OPEC-Staaaten Glauben machen, dass es noch genügend Öl auf der Welt gäbe, das man holen würde, sobald die OPEC ihre Stellung mißbrauchen würde - also die Behauptung, dass die Welt sich im Prinzip immer noch in derselben Lage befinden würde, wie in den 70er Jahren.

Die OPEC hingegen macht den Rest der Welt Glauben, daß sie diesen jederzeit mit billigem Öl überschwemmen könne, sobald man dort ernsthaft nach (teureren) Alternativen zum Öl suchen würde. So sind beide damit beschäftigt, sich gegenseitig Märchen zu erzählen. Warum ist es denn um das Kaspische Meer so still geworden, nachdem Ende März und Ende Juni von dort immer größer werdende Funde gemeldet wurden? "Zufällig" erschienen diese Berichte jeweils rechtzeitig vor den OPEC-Treffen, an denen über eine eventuelle Erhöhung der Produktion beraten wurde. Im September war davon plötzlich nicht mehr die Rede - allzu peinlich wenn man sich hätte entgegenhalten lassen müssen "dann holt es doch endlich!".

Und wurden andererseits nicht in Saudi Arabien Ende der 80er Jahre die Reserven mehr als verdoppelt - nicht aufgrund neuer Funde, sondern aufgrund neuer "Berechnungen" der Staatsfirma? Wurden damals nicht die Reserven fast aller OPEC-Staaten um 300 Gb erhöht, weil dies ebenfalls eine "Neubewertung" ergeben habe. Tatsächlich ist heute die einzige Unbekannte die wirkliche Größe der Ölreserven der OPEC-Staaten.

Einige sehr deutliche Indizien legen den Verdacht nahe, dass in der nun seit fast einem Jahr andauernden Ölkrise die Möglichkeiten der OPEC maßlos übertrieben werden und auch dort eine Produktionsausweitung nicht mehr im notwendigen Umfang erfolgen kann. Das ist keine Einzelmeinung, sondern die Einschätzung namhafter internationaler Geologen. Auch die für Rohstofffragen zuständige Behörde in den USA, der US Geological Survey (USGS) sieht dies so ähnlich. Warum sonst sollte diese Behörde parallel zu der mit großem Getöse vor einer OPEC-Sitzung vorgestellten Studie (in der behauptet wird, dass man ja noch soviel Öl auf der Welt finden könne und werde) denn ein Poster vorstellen mit der Abbildung der Produktionskurven von Campbell verbunden mit einer Warnung, dass das Maximum der weltweiten Ölproduktion bereits sehr schnell erfolgen könne?
(siehe dazu auch die Beiträge im Energiekrise Forum!)

Die meisten Ökonomen, die sich lieber an den von Ölfirmen veröffentlichten Reservezahlen leiten lassen, sehen die sich abzeichnenden Strukturbrüche jedoch nicht. Die Industriestaaten täten gut daran, die jetzigen Ereignisse als Vorzeichen ernst zu nehmen und als den Beginn eines strukturellen Bruches zu sehen. Konnte in den vergangenen Jahren der steigende Ölhunger vergleichsweise problemlos gestillt werden, so wird man damit leben müssen, dass schon bald, vielleicht schon sehr bald, die Ölproduktion von Jahr zu Jahr mit einigen Prozent zurückgehen wird. Die Endlichkeit der Ölvorräte wird damit zum ersten Mal auf den Märkten dadurch spürbar, dass Öl immer kostbarer wird.

Diese Entwicklung stellt keine Katastrophe dar. Vielmehr kann die Welt froh sein, dass die Trendwende eher sanft sein wird - denn wir haben viele Jahre Zeit, zu reagieren. Dennoch ist es auch ein Schock für unser Weltbild, das dadurch geprägt ist, dass wir zwar im Prinzip die Endlichkeit fossiler Energien akzeptieren, aber trotzdem meinen, dass das mit unserem Leben praktisch nichts zu tun hat.

Unsere wesentlich von Ökonomen bestimmte Vorstellung vom Funktionieren der Weltwirtschaft wird grundlegend korrigiert werden müssen: die Natur (hier beschrieben von der Geologie) spielt doch eine eigenständige Rolle. Die OPEC wäre gut beraten, das kostbare Öl sparsam zu verteilen. Die Industriestaaten wären gut beraten, die OPEC nicht zu einer Erhöhung ihrer Produktion zu drängen, falls dies denn überhaupt noch möglich ist. Andernfalls würde unsere Abhängigkeit vom Öl noch mehr steigen und der notwendigerweise folgende Rückgang der Produktion noch stärker ausfallen. Das Gebot der Stunde ist es, sich stetig vom Öl zu entwöhnen und die Alternativen zu forcieren. Es ist ohnehin schon sehr spät.

Bild: Ölproduktion der Welt und wichtiger Länder/Regionen. Die Ölkrise 1973 kam kurz nach dem Produktionsmaximum der USA im Jahr 1971. Die Ölkrise 1979/80 fiel mit dem Erreichen eines maximalen Produktionsplateaus in Rußland zusammen. Nur die heutigen OPEC-Staaten waren in der Lage, ihre Produktion den politischen Gegebenheiten entsprechend schnell zu verändern. Die Ölpreiskrisen der frühen und späten 70er Jahre waren deshalb so wirkungsvoll, weil die politisch erwirkten Produktionsbeschränkungen der heutigen OPEC-Staaten durch das Erreichen des Produktionsmaximums wichtiger nicht-OPEC-Produzenten verstärkt wurden (1973: USA; 1979 Rußland). Der "Rest der Welt" (alle Staaten außer OPEC, USA und Rußland) erhöhte einer "inneren Logik" folgend die Produktion fast unbeeinflußt von äußeren Faktoren. Ungeachtet okonomischer Randbedingungen hoher oder niedriger Ölpreise wurde von den Firmen die Ölproduktion fast immer so schnell als möglich bis zum Erreichen des Produktionsmaximums erhöht. Die Ölkrise des Jahres 2000 fällt mit dem Produktionsmaximum der nächsten (und außerhalb der OPEC letzten) großen Ölförderregion - der Nordsee - zusammen. Die Ölproduktion aus den Staaten außerhalb der OPEC dürfte damit in Summe das Produktionsmaximum erreicht haben. Eine letzte Ölkrise wird es dann geben, wenn auch die OPEC-Staaten ihr Produktionsmaximum erreichen. Einige Indizien sprechen dafür, daß dies nicht lange nach der jetzigen Krise sein wird.

Öl in Zahlen:

Bisherige Produktion

"Geologist's view“

820 Gigabarrel
vermutliche Reserven
827 Gigabarrel
was noch gefunden wird
153 Gigabarrel

insgesamt förderbares Rohöl

"Economist's view"

1800 Gigabarrel

berichtete Reserven (BP)

1034 Gigabarrel
was noch gefunden wird (USGS)
724 Gigabarrel

insgesamt förderbares Öl

 

> 2500 Gigabarrel
Produktion 1999
Campbell
BP
 
(Rohöl)
(incl. Schweröl/Kondensat)
Welt
22 Gigabarrel
26,2 Gigabarrel
OPEC
9,8 Gigabarrel
10,7 Gigabarrel
FSU
2,5 Gigabarrel
2,7 Gigabarrel
USA
1,8 Gigabarrel
2,8 Gigabarrel
UK
1 Gigabarrel
1 Gigabarrel
Norwegen
1 Gigabarrel
1,2 Gigabarrel
Gesamt
38,1 Gigabarrel
44,6 Gigabarrel